Gorilla-Trekking: Begegnung mit Respekt

Reisetipps
Sybille Brütsch-Prévôt
22. Oktober 2026
Victoria Anaman

Victoria Anaman

Harare

Ein Gorilla-Baby an die Brust seiner Mutter geschmiegt, ein Silberrücken, der seine Gruppe beschützt, und mittendrin wir Menschen. Das Gorilla-Trekking im ugandischen Bwindi ist ein überwältigendes Erlebnis. Doch wie viel Nähe vertragen die Tiere? Und wer profitiert davon, dass wir ihnen so nahekommen dürfen? Eine Begegnung zwischen Faszination, Tierwohl und der Frage, wer im Regenwald Vorrang hat.

Man sagt, dass das ein Gorilla-Trekking so emotional sei, dass schon mal Tränen fliessen. Und, ganz ehrlich, es ging mir nicht anders: Als ich das Gorilla-Weibchen mit seinem Baby unter einem Baum sitzen sehe, ist mein Kloss im Hals mindestens so gross wie das Tier vor mir. Mein Mann und ich besuchen mit einem Paar aus England eine Gorilla-Gruppe mit zehn Mitgliedern im Impenetrable Forest in Bwindi, Uganda – unter ihnen zwei Silberrücken, zwei Babys, Jungtiere und ein schwangeres Weibchen. Cosmas ist unser Ranger, er begleitet uns ebenso wie drei Tracker, die die Gorillas für uns an diesem Morgen aufspüren.

Wir sind gute Gorillas

Cosmas ist 33 Jahre alt und arbeitet seit elf Jahren als Ranger im Impenetrable Forest im ugandischen Bwindi. Beim Marsch zum Treffpunkt mit den Trackern erklärt er uns, dass eine Gorilla-Gruppe in der Regel zwei Jahre lang an Menschen gewöhnt wird. Unsere Gruppe ist seit einem guten Jahr im Gewöhnungsprozess, er ist also noch nicht abgeschlossen. Die Tracker verbringen über einen langen Zeitraum regelmässig Zeit in der Nähe der Gorillas. «Dabei beobachten uns die Tiere und lernen unser Verhalten kennen», erklärt Cosmas. Die Tracker und Ranger verhalten sich dabei ruhig, ahmen ihre Geräusche nach und zeigen den Tieren so, dass sie ihnen nichts wegnehmen. «Dadurch akzeptieren sie uns, und sie merken, dass wir gute ‹Gorillas› sind.»

Cosmas, unser Ranger

Cosmas, unser Ranger

Im Interview mit Cosmas

Im Interview mit Cosmas

Ohne Glas, ohne Gitter: mein allererster Gorilla

Das Gorilla-Trekking steht seit Jahrzehnten auf meiner Bucketlist, an diesem schönen Dienstag im September 2026 wird mein Traum wahr. Wir vier Touristen steigen durchs Dickicht, «impenetrable» triffts ziemlich genau. Die Tracker gehen voraus und bahnen uns mit der Machete den Weg. Sie haben frühmorgens bereits die Lage gecheckt, haben herausgefunden, wo die Gorilla-Gruppe übernachtet hat und wo wir sie nun antreffen. Und da ist er plötzlich: «Mein» allererster Gorilla! Ohne Glas, ohne Gitter steht er vor mir. Oder besser: Sitzt sie vor mir. An ihre Brust gepresst ihr flauschiges Baby. Die Tracker geben uns ohne Worte zu verstehen, dass wir stehen bleiben sollen. Wir haben zuvor gelernt: kein Augenkontakt mit den Gorillas, und wenn sie uns mit Drohgebärden zeigen, dass sie mehr Abstand brauchen, nicht bewegen. Und dafür sorgen unsere Begleiter vehement: Machen wir Anstalten zur Flucht, ergreifen sie unseren Arm und halten ihn im Klammergriff fest. Aber Grund zur Flucht gibt es für uns kaum. Ganz zum Schluss schnellt unser Puls dann aber etwas in die Höhe. Doch dazu später.

 

Der Silberrücken spielt die Hauptrolle

Der Silberrücken hat für die Gorilla-Gruppe eine besondere Bedeutung. Er führt und schützt die Gruppe und beeinflusst durch sein Verhalten dasjenige der anderen Tiere. «Akzeptiert uns der Silberrücken, tun das auch die übrigen Mitglieder der Gruppe», sagt Cosmas, «deshalb ist die Beziehung zwischen den Rangern und dem Silberrücken während der ganzen Habituation so wichtig.» Eine Herausforderung ist, wenn der Silberrücken während der Angewöhnungszeit stirbt oder die Gruppe verlässt. «Dadurch verändert sich die Ausgangslage», erklärt Cosmas, «ein neuer Silberrücken ist möglicherweise noch nicht an Menschen gewöhnt, die Situation muss komplett neu bewertet werden.»

In unserer Gruppe gibts zwei Silberrücken. Der eine macht es sich gerade unter einem Blätterdach gemütlich, die Weibchen mit ihren Kindern kuscheln sich an ihn. Wir setzen uns in sicherem Abstand zu ihnen auf den feuchten Boden und schweigen. Nicht aus Angst, sondern aus Demut. Wir sind da, wo sie sind. Wir hören sie atmen, schnarchen. Es ist überwältigend.

Den Gorillas gehts ohne uns besser

Im Impenetrable Forest in Bwindi gibt es 50 Gorilla-Gruppen, 28 davon werden regelmässig von Touristinnen und Touristen besucht. Ob es den Gorillas ohne uns Besucher besser gehen würde, möchte ich von Cosmas wissen. Seine Antwort kommt ehrlich und ohne Umschweife: «Ja.» Und doch: «Das Gorilla-Trekking ist eine wichtige Einnahmequelle für unser Land. Ein Teil des Erlöses fliesst in den Tierschutz und das Management der Nationalparks.» Und wie profitiert die lokale Bevölkerung? «Die Gemeinden rund um den Nationalpark profitieren von einer besseren Wasser- und Stromversorgung, darüber hinaus entstehen hier viele Arbeitsplätze.» Menschen würden in Hotels und Restaurants arbeiten oder als Ranger, Tracker oder Träger. «Auch Bauern profitieren: Sie beliefern Hotels und Restaurants mit ihren Produkten.» Dadurch entsteht ein wirtschaftlicher Kreislauf. Wenn die Menschen in der Region vom Schutz der Gorillas profitieren, steigt auch die Motivation, die Tiere und den Wald zu schützen. «Die lokale Bevölkerung respektiert die Gorillas zunehmend und sieht sie als etwas Besonderes und Wertvolles an», bestätigt Cosmas.

Respekt gegenüber den Tieren

Das zentrale Ziel ist nicht, die Gorillas zu domestizieren. Sie sollen weiterhin wilde Tiere bleiben. Die Habituation soll ihnen lediglich ermöglichen, die zeitweise Anwesenheit von Menschen zu tolerieren, ohne sich bedroht zu fühlen. «Gleichzeitig müssen die Menschen lernen, die natürlichen Regeln der Gorillas zu respektieren», sagt Cosmas.

Doch wie merkt der Mensch, dass ein Gorilla gestresst oder verängstigt ist? «Es gibt verschiedene Verhaltensweisen», erklärt der Ranger, «wir Begleiter kennen die Tiere ganz genau und wissen, wann es ihnen zu viel wird.» So müssten sie einerseits die Gorillas genau beobachten und auch die Sicherheit der Besucherinnen und Besucher gewährleisten.

Action zum Schluss

Was das in der Praxis bedeutet, erleben wir zum Schluss unseres vierstündigen Besuchs. Wir folgen den Gorillas in grossem Abstand, sehen sie nicht, sondern hören sie nur. Plötzlich ist da ein Riesengeschrei, es dringt dröhnend durch den Regenwald. Dazu eine laute Knallerei: Was wie Schüsse tönt, ist der Silberrücken, er trommelt auf seine Brust. Wir folgen den Lauten langsam und vorsichtig, auf einer Lichtung finden wir dann Haarbüschel und frisches Blut. Hier sind also so richtig die Fetzen geflogen. «Wir haben seit Längerem beobachtet, dass in dieser Gruppe ein Jungtier dem Silberrücken den Platz streitig macht», erklärt Cosmas. Die Gorillas befinden sich ein paar Meter weiter im Dickicht, es brodelt sichtlich in der Gruppe. Als die Tiere uns sehen, geben sie uns klar den Tarif durch: Sie kommen mit grossem Geschrei auf uns zu. Unser erster Instinkt ist Flucht – doch die Ranger halten uns an den Armen fest. Wir warten, bis das Spektakel vorüber ist. Und das ist der Moment, in dem Cosmas rät, den Rückzug anzutreten. Die vier Stunden sind zwar noch nicht ganz um, aber wir alle verstehen, dass nun die Tiere und die Natur Vorrang haben.

Über die Autorin

Man muss im Leben ja auch mal etwas wagen, raus aus der Komfortzone und weg vom «Tatort» am Sonntagabend. Und wenn man das mit einem sinnvollen Projekt verbinden kann, umso besser! Mein Mann Gerold und ich führen seit fast 20 Jahren die Textagentur Wortstark in Zürich. Seit Mitte Juli sind wir für ein paar Monate als digitale Nomaden und Volunteers in Afrika unterwegs. Unsere Reise führt uns von Simbabwe und Sambia nach Uganda und Tansania. Während dieser Zeit begleiten wir ein Lager für Waisenkinder, helfen, das Equipment eines Buschspitals in Schuss zu bringen, erteilen Französisch-Unterricht in einer sambischen Highschool und berichten authentisch über unsere Destinationen. Wir porträtieren Menschen und zeigen Projekte: live vor Ort und mittendrin. So auch für Globetrotter.

www.wortstark-zuerich.ch

https://afrika-sabbatical.blogspot.com/

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