Reisen in Südafrikas Transkei

Reisetipps
Ein Einblick in die Kultur der starken Frau
Lena Weber & Patric Schönberg

Wenn du die ursprüngliche Heimat des Xhosa-Volkes bereist, lernst du Südafrika von einer kaum bekannten Seite kennen. Du tauchst ein in eine ländliche, kaum entwickelte Gegend. Diese ist geprägt von sanften Hügeln, endlosen Graslandschaften und unberührten Stränden. Dabei zu erleben, wie alte Bräuche und Traditionen noch heute fester Bestandteil der hiesigen Kultur sind, führt zu unvergesslichen Erinnerungen. Ein Augenschein aus Bulungula.

«Kunjani!», allgemeingültiger Ausdruck zur Begrüssung und Floskel, um sich nach dem Wohlbefinden des Gegenübers zu erkundigen. Wir lernen schnell, dass ein paar Worte in Xhosa sowohl Herzen als auch Türen öffnen. Dass uns die für die Sprache typischen Klick-Laute nicht wirklich gelingen, nimmt uns hier niemand übel. Die Region rund um Bulungula gehört zu den Ärmsten in ganz Südafrika. Trotzdem fühlen wir uns sofort willkommen. Dies liegt nicht bloss am breiten Lachen, mit welchem uns Aynissa nach einer dreistündigen Rumpelfahrt mit dem Pick-Up begrüsst. Vielmehr ist es die angenehm milde Zurückhaltung des Volkes und die atemberaubende Landschaft, welche auf uns einwirken. Im Verlaufe unseres Aufenthaltes lernen wir, wie ein moderater Individualtourismus Chancen bieten kann, um einem ganzen Dorf, wenn nicht einer ganzen Region, zu Wohlstand, Bildung und Perspektiven zu verhelfen.

Unwegsame Wege führen zu spektakulären Zielen

Die Standard-Route vieler Südafrika-Reisenden führt von Kapstadt entlang der Garden Route bis nach Plettenberg Bay oder Stormsrivier. Genau dazwischen verlässt man die Western Cape Region. Die Stadt Port Elizabeth schliesslich ist das Tor zum Eastern Cape, dessen Herzstück die Transkei sowie die dazugehörige Wild Coast bilden. Und genau da wollen wir hin. In die Heimat des Xhosa-Volkes. In die Region, in welcher Nelson Mandela seine gesamte Kindheit verbachte. Die Busfahrt nach Mthatha führt vorbei an endlosen, mit Gras bewachsenen Feldern. Unterbrochen nur von kleinen Dörfern, die aufgrund der typisch farbigen Rundhütten einen exotisch-romantischen Touch versprühen. Je weiter östlich wir uns bewegen, desto ursprünglicher wird die Gegend.

Die Wild Coast, der Küstenabschnitt mit dem mystischen Namen, ist von Mthatha aus bloss über unwegsame Landstrassen zu erreichen. Die abenteuerliche Anreise erhöht unsere Vorfreude auf das Kommende spürbar. Das Dorf Bulungula streckt sich über sanfte Grashügel, welche nahtlos in breite, unberührte Sandstrände und den tiefblauen indischen Ozean übergehen. Im warmen Licht der Abendsonne fühlt man sich hier, als würde man mitten in einem Aquarell-Gemälde sitzen. Wenn du wie wir im Juni oder Juli anreist, kannst du vom Strand aus den Buckelwalen beim Tanz zuschauen. Wir verstehen sofort, wieso sich das Xhosa-Volk mit diesem Fleck Erde so verbunden fühlt. Als traditionelle Jäger, Sammler und Bauern bieten ihnen das fischreiche Meer und das fruchtbare Land alles, was deren Lebensgrundlage ausmacht.

Xhosa - Eine Kultur voller Farbe, Freude und Leidenschaft

Die Xhosa gehören neben den Zulu zu den ältesten Völker Südafrikas. Ihre Sprache bildet eine der elf offiziellen Landessprachen. Während die Zulu als grosse Krieger galten, vereint die Xhosa seit jeher ihr Ruf als besonnene Arbeiter, die Konflikte durch Worte lösen. Die Transkei wurde vom Apartheid-Regime als Homeland für die Xhosa-stämmige Bevölkerung bestimmt. Als Folge davon gehört sie heute zu den unterentwickeltsten Gebieten im ganzen Land. Der Zugang zu Bildung oder medizinische Versorgung ist für die Bevölkerung noch immer limitiert. Feste Jobs sind genauso Mangelware wie asphaltierte Strassen. Unter diesen Voraussetzungen hat die Bevölkerung ihre kulturelle Identität und ihr Dasein als Selbstversorger grösstenteils bewahrt.

So beobachten wir Frauen, die während der Ebbe mit dem Messer zwischen den Zähnen auf Austernjagd gehen, um diese in Körben auf ihren Köpfen nach Hause tragen. Später diskutieren wir mit dem Dorf-Häuptling über den Zweck der Mitgift, die hier noch immer mindestens zehn Kühe beträgt. Und am Abend lernen wir am Feuer von Joseph, wie man der Djembe-Trommel den passenden Rhythmus für Weitreisende entlockt. Auch wenn die wenigsten Einheimischen Englisch sprechen, sind sie sehr an unserer Herkunft und unseren Bräuchen interessiert. So ernten wir lächelnde Ungläubigkeit, wenn wir von Schneemännern und Single-Haushalten erzählen. Vor allem aber spüren wir Dankbarkeit dafür, dass wir den Weg auf uns genommen haben und die abgeschiedene Transkei besuchen.

Während unserer Zeit in Bulungula leben auch wir in einer Rondavel. Diese typischen runden Ein-Raum-Hütten sind allgegenwärtig und spirituell bedingt: So verstecken sich in Ecken böse Geister. Zudem sitzen die Xhosa am liebsten im Kreis und auf Augenhöhe zueinander. Die Leute sind spürbar stolz auf ihre Häuser und streichen diese regelmässig neu. Insbesondere zur Weihnachtszeit werden die bunten Farben aufpoliert und bei Bedarf gar das Schilfdach ersetzt. Feste jedoch, werden durch das ganze Jahr gefeiert. Diese bestehen in der Regel aus mehrtägigen Zeremonien mit festem Ablauf. Als Anlass dienen Hochzeiten, Todesfälle und spirituelle Ereignisse. Wir haben das Glück, dass wir eingeladen werden, als eine Grossfamilie ihren Vorfahren gedenkt. Die Stimmung an der Hütte ist bereits in den Vormittagsstunden sehr angeheitert und entspannt. Das Beiwohnen der traditionell blutigen Opfergabe am Nachmittag, meist in Form von Vieh, lehnen wir dankend ab, ohne den nötigen Respekt vor der Kultur zu verlieren.

Ein Tag im Leben von «Jabu»

Frauen sind bei den Xhosa für Erziehung, Nahrung und das Dach über dem Kopf verantwortlich. Die Männer betätigen sich ausschliesslich als Viehhirten, kümmern sich um wichtige Entscheidungen und fungieren als Oberhaupt von Familien und Dörfern. Wir wollen am eigenen Leib spüren, wie ein Tag im Leben einer Xhosa aussieht und dürfen die zweifache Mutter Jabu von frühmorgens bis spätnachmittags begleiten. Sie begrüsst uns mit einem strahlenden Lächeln und einer dicken, gelben Lehmschicht auf dem Gesicht. Auch wir werden sofort bepinselt, zum Schutz vor Sonne und Hitze wie sie uns erklärt.

Die erste Aufgabe besteht darin, Lehmziegel herzustellen und auf das Grundstück zu tragen. Danach eilen wir schnurstracks zur Mühle, um getrockneten Mais für das Mittagessen zu mahlen. Dieser Kraftakt auf Knien geschieht mit Hilfe von zwei grossen Steinen. Eile ist geboten. Die nächste Station führt uns zum Dorfbrunnen. In einer Gleichgewichtsübung lernen wir, einen Eimer mit Wasser auf dem Kopf zu balancieren. Wir sind stolz, dass wir einen Liter Wasser ganz ohne Hilfe unserer Hände auf dem Kopf tragen. Zumindest bis zu dem Augenblick, als sich Jabu einen 20-Liter-Kessel auf den Kopf setzt, als wäre es das Natürlichste der Welt.

Während Jabus Mutter den Eintopf aufsetzt, heisst es für uns Hände dreckig machen. Auf dem nahen Feld ernten wir Kürbisblätter und Karotten. Immer mit dabei ist Jabus quirlige dreijährige Tochter, welche einen besonderen Narren an unserer Kamera gefressen hat. Als der Eintopf kocht und unsere Blätter als Würze beigegeben sind, verarbeiten wir das Maismehl zu Pap, eine Art afrikanische Polenta ohne Käse. Geschafft und hungrig sitzen wir später mit der ganzen Familie, inklusive Hühner und Hund, im Kreis, und geniessen den Eintopf mit Maisbrei. Nach einem anstrengenden Halbtag sind es die kleinen Dinge des Lebens, die ein Lächeln hervorzuzaubern vermögen.

Nach dem Essen ist vor dem Essen. Wir stellen mit Jabus Schwester Teig für einen grossen Laib «Feuerbrot» her und begleiten die Frauen in den Wald, um Brennholz zu sammeln. Stolz zeigen wir unsere gelernten Fertigkeiten im «Kopftragen». Dies sehr zur Freude der Dorfbewohner, welche uns immer wieder lachend zuwinken und ein «umlungu!» (Hallo, Weisse!) zurufen. Mit dem Abladen der trockenen Äste ist unsere Schwerstarbeit für heute getan. Wir verabschieden uns herzlich von Jabu, ihrer Schwester und der stolzen Mutter, die zum Abschluss noch einige Geschichten aus der Familie zum Besten gibt. Müde und glücklich lassen wir den Tag mit einer Flasche Bier am Ufer des Meeres ausklingen. Es passt, dass der Name «Jabu» für Glück und Zufriedenheit steht.

Ein Platz für beide Welten

Bulungula ist viel mehr als nur lebendiger Beweis für die aktive Xhosa-Kultur. Es ist ein Ort an welchem aufgezeigt wird, dass sich traditionelle Lebensweisen und moderne Entwicklungen gegenseitig befruchten können. Seit den frühen 2000er Jahren leistet Dave Martin mit dem Bulungula Incubator hier Unglaubliches. Sein NGO hat den Anspruch, die lokale Community in die Entwicklungsarbeit zu integrieren und die Begegnung mit Touristen zu fördern. Die dazugehörige Bulungula Lodge, in welcher auch wir unsere Zeit hier verbringen, ist Teil des Konzeptes. Sie wird fast ausschliesslich von Einheimischen aus dem Dorf gemanagt. Der Incubator ermöglicht über zweihundert Leuten aus der Region nicht nur einer Beschäftigung, sondern fördert das gegenseitige kulturelle Verständnis.

Die Wild Coast ist ein Platz bestimmt von der Gewalt der Natur. Ein Ort, wo endlose Strandspaziergänge mit mehrtägigen Wanderungen über sanfte Grashügel und felsige Klippen einhergehen. Ein Fleck, auf welchem uralte afrikanische Traditionen gelebt werden. Ein Platz, um Minuten, Stunden und Tage zu vergessen und Abgeschiedenheit einzusaugen. Wenn also traditionelle Lebensweisen und Abenteuertourismus auf eine sanfte Art vermischt werden sollen, dann können wir uns keinen besseren Streifen Erde dafür vorstellen.

Tipp 1: Bulungula Lodge

Wenn du Zeit in Bulungula verbringen willst, bist du in der Bulungula Lodge hervorragend aufgehoben. Aynissa und die weiteren Angestellten helfen auch gerne beim Planen der Anreise.

Tipp 2: Der Incubator

Der Bulungula Incubator unterstützt die Menschen in der Region in den Bereichen Bildung, medizinische Versorgung, Ernährung, lokale Wirtschaft sowie kulturelle Bewahrung.

Tipp 3: How to get there

Von Port Elizabeth oder Durban fahren regelmässig Intercape Busse nach Mthatha. Die Bulungula Lodge oder andere Unterkünfte organisieren dann gerne die Weiterfahrt an die Wild Coast. Alternativ ist die Anreise mit dem eigenen Fahrzeug (4x4) möglich.

Tipp 4: Don’t upset ooMalume

Hombakazi Mercy Nqandeka ist eine faszinierende junge Frau, Unternehmerin und Schriftstellerin aus Bulungula. Ihr neustes Buch erklärt die Traditionen der Xhosa in einer unverblümten und zeitgemässen Perspektive.

Tipp 5: Weitwandern entlang der Wild Coast

Von Bulungula kann eine mehrtägige Wanderung entlang der Wild Coast unternommen werden. Der malerische Weg führt vorbei an Lubanzi und Coffee Bay bis nach Mdumbi.

Über den Autor und die Fotografin

Wir, Lena (28) und Patric (33), haben unseren Traum verwirklicht und reisen seit Juli 2022 für rund ein Jahr um die Welt. Dabei spüren wir Geschichten abseits der ausgetretenen Pfade auf und erzählen diese weiter – unter anderem gemeinsam mit Globetrotter. Wenn du möchtest, darfst du unser Abenteuer gerne via Instagram (@losnescos) hautnah mitverfolgen.

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