Hoffnung schenken

Reisetipps
Eine Begegnung in Harare
Gerold Brütsch-Prévôt
28. August 2026
Victoria Anaman

Victoria Anaman

Harare

Victoria Anaman setzt sich in Harare, Simbabwe, für Menschen ein, die wegen schwieriger Lebenssituationen kaum Perspektiven haben. Mit Bildung, persönlicher Begleitung und konkreter Hilfe schenkt sie ihnen Hoffnung und zeigt ihnen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Als es sich abzeichnete, dass wir das Digital-Nomad-Abenteuer in Afrika tatsächlich starten würden, habe ich über eine Plattform eiligst ein paar Englischlektionen gebucht, um die über die Jahre verstaubten Sätze wieder aufzufrischen. Daraus entstand dieser wunderbare Zufall: Esther, meine Englischlehrerin, wuchs in Simbabwe auf. Und ihre Eltern wohnten nur eine Autoviertelstunde von unserem Airbnb in Harare entfernt.

Am Vorabend unserer Weiterreise nach Bulowayo habe ich sie besucht. Victoria und ihr Mann empfingen mich mit einer Wärme und Herzlichkeit, die mich tief berührte. Ganz selbstverständlich öffneten sie ihr Zuhause für mich: Ich komme aus einem anderen Teil der Welt, wir kannten uns vorher nicht – und doch fühlte es sich an, als wäre ich ein alter Freund der Familie. Der Tisch war gedeckt mit unzähligen vegetarischen Köstlichkeiten.

«Es ist wunderbar, zu erleben, dass jemand von meiner Arbeit Notiz nimmt und sich dafür interessiert», strahlt Victoria, während sie meinen Teller reichlich füllt. Kaum habe ich ihr die erste Frage gestellt, erzählt sie überschäumend von ihren Projekten, Ideen und ihren Visionen. Das Essen auf ihrem Teller wird kalt.

Harare statt London

Eigentlich hätten sie und ihre Familie in London ein gutes Leben gehabt. Victoria und ihr Mann arbeiteten beide in akademischen Berufen, verdienten gut und fühlten sich in der britischen Hauptstadt wohl. Doch ihre Wurzeln, ihr Heimatland Simbabwe, konnte sie nicht einfach hinter sich lassen. Die hohe Arbeitslosigkeit, die Armut, die vielen Kinder ohne Schulbildung und die zerrütteten Familien liessen sie nicht los. «Eines Tages wusste ich, was ich tun musste», sagt sie. «Die Not anderer ist mein Anliegen. Ich kann Menschen nicht leiden sehen.»

Zurück in Harare lebt Victoria Anaman diese Überzeugung seit vielen Jahren. Die 56-jährige Lehrerin, Unternehmerin, Pastorin und Seelsorgerin setzt sich für Menschen ein, die in schwierigen Lebenssituationen leben. Ihr Engagement gilt Kindern ohne ausreichenden Zugang zu Bildung, Familien in Not, Frauen, Menschen in ländlichen Regionen und insbesondere auch Menschen im Gefängnis oder nach ihrer Entlassung daraus. Ihr Ziel ist immer dasselbe: Menschen Hoffnung geben und ihnen eine neue Perspektive eröffnen.

Bildung schafft Zukunft

«Ohne Bildung ist das Leben hier sehr schwer. Bildung ist der einzige Weg, wie Menschen ihr Leben nachhaltig verändern können», sagt sie und wiederholt es während des Gesprächs noch einige Male. Ihre Hilfe setzt dort an, wo es am Nötigsten fehlt. Egal, ob für Kinder, alleingelassene Mütter, Entlassene aus dem Gefängnis: Sie hilft ganz konkret mit Schulgebühren, Lebensmitteln, Kleidung, Transportkosten, Unterkunft, medizinischer Unterstützung und vor allem mit Zeit und persönlicher Begleitung.

Wie sehr eine solche Begleitung ein Leben verändern kann, zeigt die Geschichte von Tatenda Shonhiwa. Nach der Trennung seiner Eltern wollten sich weder seine Mutter noch sein Vater um ihn kümmern. So wuchs er bei seiner Grossmutter auf. Als sie starb, wurde Tatenda von Verwandten aufgenommen. Diese Familie hatte jedoch selbst fast kein Geld, um ihn zu ernähren und sein Schulgeld zu bezahlen. Deshalb wurde er einer Tante weitergegeben. Dort, in Epworth, einem Vorort von Harare, lernte er zufällig nach einem Gottesdienst Victoria kennen – eine schicksalhafte Begegnung, die seinen weiteren Weg prägen sollte. 

Kindheit ohne Hunger

Sie übernahm für drei Jahre unter anderem die Kosten für Unterkunft, Essen, Schule und Transport. So konnte er seine Ausbildung abschliessen und danach eine Arbeit finden. In einem Brief an Victoria schreibt er: «Durch Ihre Hilfe musste ich nie hungern und hatte ein sicheres Zuhause. Heute habe ich Arbeit und kann für mich und meine Familie sorgen. Ihre Unterstützung hat mein Leben grundlegend verändert.» Doch für Tatenda ging es um mehr als bloss finanzielle Unterstützung. Besonders die Werte, die Victoria ihm vermittelt habe, seien für ihn prägend gewesen. Heute arbeitet er als Gesundheitsberater und vertreibt organische Blattdünger. Seine eigenen Erfahrungen nutzt er, um andere Menschen zu ermutigen. Besonders Menschen, die körperlich, sozial oder emotional leiden, steht er zur Seite. Und mit seinem bescheidenen Lohn tut er das, was Victoria einst für ihn tat: helfen, damit niemand seine schwierige Situation alleine durchstehen muss.

Victoria & Tatenda

Victoria & Tatenda

Mehr als finanzielle Hilfe

«Es reicht nicht, Menschen nur Geld zu geben, sie brauchen Begleitung, damit auch wirklich eine Zukunft entstehen kann», ist Victoria überzeugt. Dieser Gedanke zieht sich durch ihre gesamte Arbeit.

Die Überzeugung, dass Bildung das wichtigste Element für eine Veränderung der Gesellschaft ist, hat sie auch praktisch umgesetzt: Sie hat vor ein paar Monaten eine ECD-Schule – eine Einrichtung für Early Childhood Development – gegründet. Derzeit befindet sich diese noch im Prozess der Registrierung. Damit möchte sie Kindern möglichst früh eine gute Grundlage für ihren weiteren Bildungsweg geben. Allen voran Kindern aus schwierigen familiären Verhältnissen.

Kinder in Simbabwe geraten oft in einen gefährlichen Kreislauf: Bleibt die finanzielle Not in den Familien bestehen, brechen sie die Schule ganz ab. Manche beginnen zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen; insbesondere für Mädchen können frühe Schwangerschaften oder eine frühe Heirat hinzukommen. Studien und Berichte aus Simbabwe zeigen, dass finanzielle Not, Kinderarbeit und Heirat im Jugendalter zu den wichtigen Gründen für Schulabbrüche gehören. Man geht davon aus, dass rund eine Million Kinder keinen Zugang zur Bildung haben.

Victoria bezahlt die Hilfe für notleidende Menschen selbst. Nach dem Essen zeigt sie mir Schmuckstücke, Ohrringe, Armreifen, Halsketten. Sie werden von Frauen ihrer Kirchgemeinde hergestellt. Mit dem Erlös durch den Verkauf an verschiedenen Märkten können sie weiteren Kindern helfen. 

Ein Weg zurück ins Leben

Victoria wartet nicht darauf, dass Menschen zu ihr kommen. Sie geht dorthin, wo diese in schwierigen Lebenssituationen Unterstützung brauchen. So besucht sie unter anderem das Chikurubi Maximum Security Prison und setzt sich dort für weibliche Inhaftierte und Jugendliche ein. Das Gefängnis ist seit Jahren wegen der schwierigen Haftbedingungen in der Kritik. Menschenrechtsorganisationen berichten unter anderem von Überbelegung, Wasser- und Nahrungsmangel, unzureichenden sanitären Bedingungen, mangelnder medizinischer Versorgung und teilweise auch von Misshandlungen.

Dabei hilft Victoria ganz konkret und unbürokratisch. So unterstützte sie beispielsweise eine inhaftierte Mutter mit ihrem Kind und stellte Babybekleidung, Milchpulver und eine Thermoskanne zur Verfügung. Einer ehemaligen Gefangenen ermöglichte sie den Aufbau eines kleinen Hühnerprojekts. Damit wollte sie ihr nach der Haft eine eigene Einkommensquelle und eine Perspektive für ein selbstständiges Leben schaffen.

Das ist ein weiteres wichtiges Anliegen von Victoria: die Unterstützung ehemaliger Gefangener. Gerade bei ihnen sieht sie die Notwendigkeit, nicht nur kurzfristig Hilfe zu leisten, sondern echte Perspektiven für die Rückkehr in die Gesellschaft zu schaffen. Ihre Vision sind Halfway Houses, in denen ehemalige Gefangene Schritt für Schritt wieder Fuss fassen können. Dazu gehören für sie geistliche und persönliche Begleitung ebenso wie praktische Unterstützung beim Aufbau einer eigenen Existenz und eines nachhaltigen Einkommens.

Es ist spät geworden. Ich verabschiede mich von Victoria und ihrem Mann. Der Weg liegt im Dunkeln, keine einzige Strassenlaterne leuchtet. Victoria schliesst das Eisentor auf und begleitet mich hinaus. Die Scheinwerfer des herannahenden Taxis schneiden durch die Dunkelheit und beleuchten die sandige Strasse. «Es hat mich so gefreut, dass sich jemand für meine Projekte interessiert», sagt sie noch einmal, «es ist mir wichtig, dass die reiche Welt erfährt, wie wir hier leben.»

Über den Autor

Man muss im Leben ja auch mal etwas wagen, raus aus der Komfortzone und weg vom «Tatort» am Sonntagabend. Und wenn man das mit einem sinnvollen Projekt verbinden kann, umso besser! Meine Frau Sybille und ich führen seit fast 20 Jahren die Textagentur Wortstark in Zürich. Seit Mitte Juli sind wir für ein paar Monate als digitale Nomaden und Volunteers in Afrika unterwegs. Unsere Reise führt uns von Simbabwe und Sambia nach Uganda und Tansania. Während dieser Zeit begleiten wir ein Lager für Waisenkinder, helfen, das Equipment eines Buschspitals in Schuss zu bringen, erteilen Französisch-Unterricht in einer sambischen Highschool und berichten authentisch über unsere Destinationen. Wir porträtieren Menschen und zeigen Projekte: live vor Ort und mittendrin. So auch für Globetrotter.

www.wortstark-zuerich.ch

https://afrika-sabbatical.blogspot.com/

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