Editorial
Auf Kurs
Liebe Weltentdeckerinnen und Weltentdecker
Wenn noch kaum etwas passiert, aber trotzdem schon alles beginnt, wird es auf Reisen oft besonders. Das habe ich diesen Sommer wieder einmal sehr bewusst erlebt, als ich mit meinen Liebsten mit der Nachtfähre von Liverpool nach Belfast gefahren bin. Nach dem Einsteigen bezogen wir unsere winzige Innenkabine, inspizierten das oberste Deck und, ja, auch den Spielsalon. Beim Eindunkeln, als die «Edda» langsam ablegte und die Lichter der Stadt am Ufer zurückliess, standen wir an der Reling. Das Schiff fand seinen Rhythmus auf dem Wasser, und ich spürte, wie die Welt kleiner wurde: Bald waren da nur noch die Schattenlinien der Küste, das gleichmässige Vibrieren der Motoren, der Geruch von Meer und Diesel. Und meine Söhne, meine Frau und ich. Wir sahen wenig und nahmen viel wahr. Wir waren auf Kurs, auf vielen Ebenen. Fähren entschleunigen Reisen, die ja oft vom Wunsch geprägt sind, möglichst schnell anzukommen. Ein Flugzeug überwindet riesige Distanzen in wenigen Stunden. Eine Fähre lässt Zeit verstreichen, macht Distanzen fassbar und gibt Raum, für Gedanken, für Nähe, für kleine Momente. Das Bild von meiner Familie an der Reling und den Lichtern von Liverpool, die in der Dunkelheit immer kleiner werden, bleibt für immer.
Um die Kraft solcher kleinen Momente geht es auch in unserer Geschichte aus Botswana. Valentin Grüner erzählt ab Seite 58 in dieser Ausgabe, wie er mit Mitte 20 in die Wüste Kalahari zog, um seinen Traum von einem Leben als Wildhüter und Naturschützer zu leben. Er fand ein verwaistes Löwenjunges, päppelte es auf und wurde sein bester Freund. Jahre später errichtete er ein Reservat in der afrikanischen Wildnis und leistet damit einen sehr konkreten Beitrag zum Artenschutz. Valentins Story ist keine spektakuläre Heldengeschichte, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Es ist vielmehr eine Geschichte über Geduld, Nähe, Respekt und Aufmerksamkeit. Valentin nimmt auf seinem Abenteuer viele kleine Zeichen wahr. Er vertraute einem Prozess, den er nicht vollständig kontrollieren konnte. Er stieg an Bord, ohne die ganze Strecke zu sehen. Wie wir auf der Nachtfähre nach Belfast. Euch, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich viel Spass und Inspiration bei der Lektüre dieser 159. Ausgabe des Globetrotter-Magazins. Und eine gute nächste Reise. Vielleicht führt sie ja zu einem Augenblick, in dem sich die Welt für einen Moment ein bisschen langsamer dreht.
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