Editorial
Fünf Lew und ein pinker Porsche
Liebe Weltentdeckerinnen und Weltentdecker
Die ganze Woche über kostet jede Taxifahrt von meiner etwas ausserhalb gelegenen Unterkunft ins Zentrum der bulgarischen Hafenstadt Warna fünf Lew. Es ist eine verlässliche Zahl in einer fremden Umgebung, fast ein Versprechen von Ordnung im Unbekannten. Und es ist ein fairer Preis, umgerechnet knapp fünf Franken für die zehn Kilometer.
Auch die Fahrt an meinem letzten Abend am Schwarzen Meer beginnt wie immer. Es sind dieselben Strassen, es ist derselbe Blick des Fahrers im Rückspiegel. Ich lehne mich zurück, vertraue auf die Routine, die ich mir selbst zurechtgelegt habe.
Nach zehn Minuten sind wir am Ziel. Ich strecke dem Taxifahrer fünf Lew hin, wie immer. Dann klickt es. Die Türen sind verriegelt. Er sagt: «Fifty.» Ich sage, dass diese Strecke doch «five» koste, denke an ein Missverständnis. Er zeigt mir sein funkelndes Klappmesser, und das nicht unbedingt so, wie man einem alten Bekannten ein schönes neues Messer vorführt. Dann sagt er noch einmal: «Fifty.»
Ich zahle. Fifty. Es klickt wieder. Ich steige aus. Alles ist gut. Eine halbe Stunde später finde ich meinen Herzrhythmus wieder.
Auf Reisen gibt es Momente, die man nicht planen kann. Sie passieren oft genau dann, wenn man glaubt, alles im Griff zu haben. Das Gute daran: Nur die wenigsten dieser Überraschungen sind unschön wie jene in Bulgarien.
Die allermeisten sind von ganz anderer Art. Unser Autor Julius Fitzke zum Beispiel, der in dieser 158. Ausgabe des Globetrotter-Magazins ab Seite 64 über drei prägende Wochen in der chinesischen Stadt Nanchang berichtet, lernt dort eines Abends eine gewisse Veronica kennen. Auf dem Nachhauseweg sagt sie, dass sie einen «Posh» habe und ihm am nächsten Tag die Stadt zeigen werde. Er sagt zu, ohne zu wissen, was ein «Posh» sein könnte. Als Veronica am nächsten Tag auftaucht, versteht er. Sie fährt mit einem knallpinken Porsche mit Coca-Cola-Schriftzug vor. Alle zwei, drei Monate, sagt Veronica, lackiere sie ihr Auto um. Und Julius? Ist baff.
Taxiterror und Porscheplausch sind mehr als Anekdoten. Sie sind Sinnbilder fürs Reisen selbst. Wie oft glauben wir Reisenden, wir verstünden die Welt, weil wir Wörter übersetzen, Bilder googeln oder Routen planen? Und wie oft zeigt sie sich dann doch ganz anders: vielschichtiger, überraschender eben. Und manchmal einfach pinker, als wir es uns hätten ausmalen können. Die grössten Überraschungen sind dabei meistens die kleinen, persönlichen Begegnungen: ein falsch verstandenes Wort, ein Gespräch, das anders verläuft als gedacht. Sie erinnern daran, dass die Welt kein Puzzle zum exakten Zusammensetzen ist, sondern eher ein Kaleidoskop, das sich jedes Mal verändert, wenn man es dreht.
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