Bildung, die Perspektiven schafft
Was braucht es, damit ein Kind seine Zukunft selbst gestalten kann? In Kambodscha fehlt oft nicht der Wille, sondern der Zugang. Die Stiftung Eyes Open setzt genau dort an und zeigt, wie Bildung, Ernährung und Perspektiven zusammenwirken. Ein Gespräch über Verantwortung, Wirkung und die Kraft von langfristigem Engagement.
Der Anfang: Eine Reise, die alles verändert
Was als vierwöchiger Aufenthalt in Siem Reap begann, wurde für Claudia Komminoth zum Wendepunkt. Die Begegnungen vor Ort haben sie geprägt. Zurück in der Schweiz lässt sie der Gedanke nicht mehr los, mehr zu tun als punktuell zu unterstützen.
Nur zwei Monate später gründet sie Eyes Open. Noch im selben Jahr reist sie zurück nach Kambodscha – auf der Suche nach einem Projekt, das wirklich etwas verändert. Fündig wird sie bei der Ponheary Ly Foundation. Dahinter steht Ponheary Ly. Eine Frau, die selbst erlebt hat, wie sehr Bildung ein Leben verändern kann. Ihre Vision: Kindern Schritt für Schritt Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Eine Partnerschaft, die bis heute trägt.
Was ist das übergeordnete Ziel der Stiftung?
Das Ziel von Eyes Open ist es, Entwicklungshilfe innert einer Generation überflüssig zu machen. Der Weg dorthin führt über Bildung und beginnt mit einer Mahlzeit. Wer satt ist, kommt zur Schule und kann lernen. Wer gesund ist, hat die Energie dafür. Wer ein Fahrrad hat, schafft auch den Weg zur Oberstufe, zehn Kilometer entfernt. Wer im Learning Center MINT-Fächer vertieft und Lebenskompetenzen entwickelt, hat die Grundlage für eine Berufsausbildung oder ein Studium. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung können junge Menschen selbstbestimmt für sich und ihre Familien sorgen.
Erst wenn alle Bausteine ineinandergreifen, entsteht diese Veränderung. Oder anders gesagt: Fällt ein Teil weg, etwa Nahrung, verliert das ganze System seine Wirkung.
Fünf Schritte bis zum Ausbildungsabschluss
Mit fünf aufeinander abgestimmten Programmen begleitet und unterstützt die Stiftung Eyes Open Kinder und Jugendliche von der 1. Klasse bis zum Ausbildungsabschluss:
- Jeden Monat ermöglichen 18'000 Schulmahlzeiten den Schulbesuch – das essenzielle Fundament für den Erfolg aller weiteren Schritte.
- Durch die medizinische und zahnärztliche Versorgung bleiben die Kinder gesund und können sich auf ihre Schulbildung konzentrieren.
- Mit Velos bewältigen die Jugendlichen den weiten Schulweg von über zehn Kilometern bis zur Oberstufe.
- Zusätzlicher Unterricht ergänzt den kambodschanischen Lehrplan und bietet jährlich rund 700 Kindern und Jugendlichen in zwei Learning Centern eine optimale Bildung.
- Dank einer abgeschlossenen Ausbildung können die jungen Erwachsenen selbst für sich und ihre Familien sorgen.
Wie messt ihr die langfristige Wirkung der Förderprogramme?
Die Wirkung geht über Generationen hinaus. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:
- 93 % schliessen die sechste Klasse ab (national rund 40 %)
- Die Primarschule dauert im Schnitt 6,4 Jahre statt zehn
- 93 % bestehen die zwölfte Klasse (national 64 %)
Doch die Wirkung geht weiter als Statistiken zeigen können. Kinder nehmen Bücher aus der Schulbibliothek mit nach Hause und bringen ihren Eltern lesen und schreiben bei. Jugendliche, die in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind, schliessen heute Berufsausbildungen ab oder studieren an Universitäten. Sie sind clever und wollen viel erreichen – sie brauchen nur den Zugang.
Was berührt dich an den Begegnungen mit den Kindern am meisten?
Im Klassenzimmer zu sitzen und zu sehen, wie engagiert die jungen Menschen mitmachen, im persönlichen Gespräch zu erfahren, wie sich ihre Lebensumstände verändert haben, und zu erleben, wie sie es schaffen, sechs Tage die Woche in die Schule zu gehen – und oft auch am Sonntag zu lernen. Das ist es, was zählt. Eyes Open gibt rund 3000 Kindern und Jugendlichen die Chance, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.
Was kostet die Grundversorgung eines einzelnen Kindes?
Schon kleine Spendenbeträge können viel bewirken. Mit 120 Franken erhält ein Kind ein ganzes Jahr ausreichend Nahrung. Mit 65 Franken wird ein Fahrrad inklusive Schulmaterial finanziert und mit 20 Franken ist die medizinische Versorgung für ein Jahr gesichert.
Die administrativen Kosten der Stiftung betragen weniger als 3%, wodurch nahezu 100% der Spenden direkt in die Programme in Kambodscha fliessen. Die Stiftungsratsmitglieder arbeiten ehrenamtlich und tragen ihre eigenen Reisekosten, um die Projekte vor Ort zu besuchen.
Was gibt dir persönlich Hoffnung und was sind die Herausforderungen?
Politische Spannungen und Konflikte prägen die Region, in der Eyes Open tätig ist. Besonders der bewaffnete Konflikt im Grenzgebiet zwischen Thailand und Kambodscha hat zuletzt viele Menschen zur Flucht gezwungen – ganze Dörfer wurden zerstört, Familien mussten ihre Heimat verlassen. Gerade in diesem unsicheren Umfeld sind stabile Perspektiven entscheidend. Eine Ausbildung schafft Sicherheit und eröffnet Chancen, auch wenn die Umstände schwierig bleiben. Für mich ist dabei klar: Bildung ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft. Die Vision dahinter ist eine Generation, die selbstständig ihren Weg gehen und für sich sorgen kann.
Was kann ich als Reisende*r vor Ort tun?
Als Reisender kannst du viel bewirken, indem du bewusst entscheidest, wie du vor Ort unterstützt. Zum Beispiel ist der Impuls zu helfen gross, wenn Kinder bei Tempeln Souvenirs verkaufen. Doch wer kauft, verstärkt das Problem: Statt zur Schule zurückzukehren, stehen die Kinder am nächsten Tag wieder auf der Strasse, weil sie mehr verdienen als ihre Eltern.
Informiere dich vor deiner Reise, respektiere lokale Gepflogenheiten und unterstütze gezielt Organisationen, die nachhaltig wirken. Und so schwer es fällt: gib Kindern kein Geld direkt auf der Strasse.
Über mich
Meine Liebe zum Reisen begann auf einem Roadtrip entlang der Westküste Amerikas. Seither hat mich die Faszination für das Entdecken neuer Orte und Kulturen nicht mehr losgelassen. Ein besonderes Highlight war ein mehrtägiger Aufenthalt im Dschungel Nordthailands. Ich verständigte mich ohne Worte, und doch führte ich nie bewusstere Gespräche. Dort lernte ich den Dschungel als Ort der Ruhe, Reflexion und Zufriedenheit kennen. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, Dinge nicht als selbstverständlich zu betrachten und das Einfache zu schätzen. Heute entdecke ich die Welt mit meiner Familie. Gemeinsam unterwegs zu sein, eröffnet mir neue Perspektiven und ich sehe vieles wieder mit den staunenden Augen eines Kindes. Wenn ich nicht reise, findest du mich am Wasser oder auf meiner Vespa, irgendwo zwischen Sonne, Wind und Fernweh.
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