Editorial Globetrotter-Magazin


Globetrotter Magazin

Magazin Nr. 130

Innere Schatzkisten


Liebe Weltentdeckerinnen und Weltentdecker

Sein Auge ist rot wie das Spielzeugfeuerwehrauto,das er jede Nacht aufdem Nachttischchen parkiert. DieLider sind verklebt. Schleim rinnt übers Gesicht. Nein, gut sieht das alles nicht aus. Mein Sohn ist knapp zwei Jahre alt und zum ersten Mal in seinem Leben länger unterwegs. Durch die offene Balkontüre hört man das Meer rauschen. Er könnte jetzt an der ligurischen Küste Feuerwehrwachen und Piratenburgen aus Sand bauen. Er könnte baden, an der Promenade Eis schlecken und Münzen in pädagogisch fragwürdige Spielzeugautomaten und Karussells werfen. Es könnte alles so schön sein. Mein Sohn aber hat eine Bindehautentzündung. Ich versuche erfolglos, einen lokalen Kinderarzt zu kontaktieren. Ich fahre ins örtliche Krankenhaus. Kinder würden hier nicht behandelt, sagt die Dame am Empfang. Die nächste grosse Klinik ist 65 Kilometer entfernt. Mein Sohn weint. Ich bin wütend. Auf die Welt und auf das Spitalpersonal. Und ich bin traurig. Ich habe Mitleid mit dem Sohn, mit
meiner Frau, mit mir selber. Sollen wir nach Hause fahren? Aufgeben?

Ein gutes halbes Jahr früher stehe ich bei der Gepäckausgabe am Flughafen von Dublin. Der Kinderwagen hat nach dem Flug aus der Schweiz ein Rad ab, buchstäblich. Fahruntauglich. Es ist Heiligabend, der Kinderwagenverleih am Flughafen ist geschlossen. Mein Sohn kann noch nicht laufen. Es gibt wenige unentbehrliche Dinge auf dieser Reise. Ein funktionierender Buggy gehört dazu. Mein Sohn weint. Ich bin wütend. Auf die Welt und auf die Fluggesellschaft. Und ich bin traurig. Ich habe Mitleid mit dem Sohn, mit meiner Frau, mit mir selber. Sollen wir nach Hause fliegen? Aufgeben?

Reisen mit kleinen Kindern ist anstrengend, herausfordernd, nervenaufreibend. Auch unser Autor Malte Clavin muss sich einiges anhören, als er mit seiner Familie lange Trips durch Asien unternimmt. «Was ist, wenn dein Kind ernsthaft krank wird?» – «Was mutest du deinen Mädchen da zu?» – «Ins wilde Borneo willst du? Mit einer Dreijährigen?» Malte hört nicht auf die Stimmen. Nach der dreimonatigen Reise mit Frau und Töchtern, die er ab Seite 24 beschreibt, sagt er: «Gemeinsame Reisezeit ist die beste Investition unseres Lebens. Was wir erlebt haben, ist wie eine innere Schatzkiste: null Gramm Gewicht, aber von unschätzbarem Wert.»

Und das feuerwehrautorote Auge? Im Spital am Meer nimmt sich nach einigem Hin und Her doch noch eine Ärztin meines Sohnes an. Er bekommt antibiotische Tropfen, einen Tag später kann er Feuerwehrwachen im Sand bauen. Und in Irland finden wir ein Warenhaus, das an Heiligabend geöffnet ist und Buggys für 29 Euro verkauft. Es werden unvergessliche Tage. Mein Sohn erlebt zum ersten Mal, wie es aussieht, wenn ein Leuchtturm blinkt, was Ebbe und Flut sind und wie ein Torffeuer riecht. Es sind Erfahrungen, die für immer in seiner inneren Schatzkiste eingeschlossen bleiben werden.

Mein Sohn ist mittlerweile fast vier Jahre alt. Vor ein paar Tagen hat er mir sehr deutlich gesagt, dass er unbedingt sehr bald wieder einmal ans Meer fahren möchte.

Herzlich

Fabian Sommer