Editorial Globetrotter-Magazin


Globetrotter Magazin

Magazin Nr. 127

Von der Kraft der Natur


Liebe Weltentdecker

Ein grosses Nachrichtenmagazin titelte kürzlich: «Wie der Reisende zerstört, was er liebt.» Der Artikel beschrieb dann einige krasse Beispiele des «Overtourism»: Städte wie Barcelona, Venedig, Dubrovnik oder Amsterdam, die unter den Touristenmassen leiden. Sehenswürdigkeiten, die überrannt und quasi zu Tode fotografiert werden, da die weltweite Verbreitung der Bilder auf Social-Media-Kanälen immer noch mehr Menschen anzieht. Durch die wirtschaftliche Entwicklung, zum Beispiel in bevölkerungsreichen Ländern Asiens, können sich immer mehr Menschen Reisen und Ferien leisten, die Mobilität rund um die Welt nimmt zu. Und hier wird der Zwiespalt deutlich. Auf der einen Seite ist es schön, dass eine Demokratisierung des Reisens stattfindet und zudem viele Länder mit dem Tourismus bitter nötige Einnahmen generieren können. Auf der anderen Seite bedeuten die Reiseströme mehr Belastung für Umwelt und Natur, eine Bedrohung von lokalen Ressourcen und einen Stresstest für Städte, deren Bewohner und die Kulturschätze. Ein schwieriger Spagat, bei dem nicht absehbar ist, wohin das führt.

Bei der momentan ausgiebigen Berichterstattung über «Overtourism» besteht aus meiner Sicht die Gefahr, dass ausgeblendet wird, wie unendlich viele Facetten der Tourismus hat. Das massenhafte Abklappern und Abknipsen von Sehenswürdigkeiten ist nur eine von vielen. Reisen kann sehr viel tiefer gehen. Es kann inspirieren und Augenöffner sein, das Verständnis für andere Lebensweisen und Kulturen fördern, den Horizont erweitern und durch neue Erfahrungen und Erkenntnisse eigene Muster infrage stellen. Reisen fordert aber auch immer wieder heraus, lässt einen eigene Grenzen erkennen und möglicherweise überschreiten.

Auch in dieser Globetrotter-Ausgabe berichten verschiedene Autorinnen und Autoren von Reisen, die über oberflächliche Besichtigungstouren hinausgehen. So zum Beispiel Bettina und Axel Kelm, die als Naturfotografen in Costa Rica unterwegs sind. Ihre Reportage heisst «Im Naturwunderland». Sie zeigt auf, dass Ökotourismus ein Versprechen für die Zukunft ist und wie sich Mut, Engagement und Durchhaltewillen bei einem Naturschutzprojekt auszahlen können.

Sich treiben lassen heisst die Devise von Sarah Holweg. In der Geschichte «Frei sein am Ende der Welt» erzählt sie, wie sie die Südinsel Neuseelands bereist, immer wieder neue Reisebekanntschaften macht und auf verschiedenen Farmen jobbt. Wer als junger Mensch auf diese Art unterwegs ist, macht prägende Erfahrungen.
Selina Ehrenzeller arbeitete im Osten Ugandas eine Weile in einem Gesundheitszentrum. Im Bericht «Am Puls des Lebens» erzählt sie von ihren Erlebnissen. Welche Horizonterweiterung für eine Medizinstudentin!

Die heutige Entwicklung im Tourismus macht auch mich nachdenklich, sie vermag aber meine Neugier nicht zu dämpfen. Das Weltentdecken hat mich immer wieder mit bedeutsamen Erfahrungen bereichert. Nicht nur auf anderen Kontinenten, auch in der Nähe und im Unspektakulären. Darauf freue ich mich auch in Zukunft, denn die Erde bleibt voller Wunder.

Herzlich

Andy Keller