Japan im Tiefschnee

Blog-Beitrag von Sven Ziörjen, am 19.02.2021

Niseko, Japan, Skitouring, Ski, Winter

Die üblichen Ski- und Snowboard-Destinationen der Schweiz mit ihren tollen Pulverhängen kennen und lieben wir alle. Aber wie wäre es, wenn wir diesem Erlebnis nun noch einen exotischen Twist geben? Eine Horizonterweiterung, in die Ferne schweifen, die sechs Meter Schnee aus Zermatt mit den durchschnittlich 15 Metern aus Niseko und das MoitéMoitié-Fondue mit einer Platte feinstem Sushi eintauschen? In diesem Beitrag geht es um «JapPow» – feinstem Neuschnee en masse, kombiniert mit einem kulturellen Erlebnis, das uns nur Japan in dieser Form liefern kann.

Drei Resorts für das ultimative Japow-Erlebnis

Japan bietet mit über 200 Skigebieten eine Vielzahl an Möglichkeiten, um ein Maximum an Höhenmetern im tiefstem Weiss zu ergattern. Die Qualität des Schnees ist auf Grund der speziellen meteorologischen Bedingungen der Extraklasse zuzuordnen. Zart tanzende Flocken, die sich mit äusserst geringer Feuchte auszeichnen, bilden die ideale Grundlage für bauchnabeltiefe Abfahrten. Speziell die nördlichen Teile Japans erhalten mehr als genug Pulverschnee, um tagtäglich von neuem die Hänge anzuspuren.

In diesem Beitrag stellen wir euch drei verschiedene Gebiete vor. Zudem geben uns Dany Gehrig (CEO Globetrotter) und Jamie Reichenbach (Tourguide in Kiroro) spannende Einblicke zu Japans Tiefschneehängen.

Niseko

Angeflogen wird der Flughafen Sapporo, der sich im Norden Japans befindet. Nach Niseko gibt es Verbindungen per Zug, Bus oder Mietauto. Einmal die Basis erreicht, eröffnet sich mit Nisoko-United ein zusammenhängendes Skigebiet, das aus den vier Teilgebieten Niseko-Annupuri, Niseko-Village, Niseko-Grand Hirafu und Niseko-Hanazono besteht. Da das Gebiet nur 35 Kilometer vom japanischen Meer entfernt liegt, reichern sich die sibirischen Winde mit der Meeresfeuchte an und sorgen für konstanten Schneefall mit feinsten Pulverflocken. Bekannt für seine weiten Powder-Bowls, spannende Abfahrten zwischen den Bäumen und atemberaubende Blicke auf den Berg Yotei bieten sich für Pistenfans und geübte Variantenfahrer gleichermassen viele gute Optionen. Neben einer breiten Auswahl an kulinarischen Möglichkeiten wie traditionelle japanische Küche, französisch-japanischer Fusionsküche sowie Burger und Pizza, bietet die Gegend um Niseko ebenfalls ein buntes Nachtleben. 

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Nozawa Onsen

Der Ort Nozawa ist als ein historischer Kurort bekannt und bietet eine Vielzahl an Thermalquellen. Dies kombiniert mit einem der ältesten und schneereichsten Skigebiete der Präfektur Nagano kommt einer perfekten Mischung aus Action und Erholung ziemlich nahe. Ab Tokyo erreicht man per Shinkansen den Bahnhof Iiyama in ca. eineinhalb Stunden und steigt anschliessend in einen Bus, um 25 Minuten später in Nozawa Onsen anzukommen. Die Austragungsstätte der Biathlonwettkämpfe der Olympischen Spiele von Nagano 1998 bietet mit zwei Gondelbahnen, 20 Sesselliften und Abfahrten von über 1000 Höhenmetern alles, was ein Freeride-Herz begehrt. Durchschnittliche 12 Meter Schneefall eröffnen einem nicht selten unbefahrene Hänge, die sich am besten mit einem lokalen Tourguide erkunden lassen. Die nötige Ausrüstung ist einfach vor Ort ausleihbar.

Nach einem Tag voller Höhenmeter und bauchnabeltiefem, leichten Schnee kann man in einem der 30 Thermalbäder unter freiem Himmel kostenlos entspannen. Diese gehören der Gemeinde und trotz der kostenfreien Nutzung gehört es zur Etikette, hier einen Beitrag in einem der Spendenkästen zu hinterlassen.

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Kiroro

Wie auch Niseko ist Kiroro am einfachsten aus Sapporo erreichbar. Der kleine Skiort mit zwei internationalen Hotelanlagen ist als Familiendestination bekannt und bietet mit Annie’s Ski Academy eine renommierte Skischule, die ihren Ursprung aus Frankreich aufweist. Dass jedoch hier nicht nur Pizza und Pommes Frites-Kurven mit den Kleinen gezogen werden können, beweisen schon die 14 ausgewiesenen Abfahrten in den Tiefschneebereichen. Mehr dazu erzählt euch Jamie Reichenbach im folgenden Interview.

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Niseko, Japan

Niseko, Japan

Kurzinterview mit Jamie Reichenbach – Powderjunkie

Jamie wuchs im Berner Oberland auf, wo ihm die Liebe zum Pulverschnee schon früh mit auf den Weg gegeben wurde. Heute tourt er am liebsten dort, wo es anspruchsvoller nicht sein könnte. Als einheimischer Skilehrer mit Berufsabschluss für Varianten und Touren sowie Sicherheit und Rettung führte ihn seine Leidenschaft ins Tiefschneeparadies Japan. Dort organisiert er heute geführte Backcountry Touren im Herzen von Hokkaido für das ultimative Japow-Erlebnis.

Jamie, du kehrst seit vier Jahren immer wieder für mehrere Monate nach Kiroro zurück. Was macht den Reiz an Japan und seinen tiefverschneiten Hängen aus?

Für mich passt in Kiroro alles zusammen. Von einfachem Gelände bis zu anspruchsvollen Steilhängen findet man alles für ein perfektes Touring-Erlebnis. Ich liebe es, mir den Aufstieg zu erkämpfen und anschliessend die Abfahrt zu geniessen. Eigentlich sagen die jährlich 14 Meter Schneefall alles aus – Powderalarm.

Was unterscheidet Kiroro zu den anderen Gebieten?

Mich reizen die grossen Namen wie Niseko im Vergleich zu den kleineren, oft auch authentischeren Gebieten wie Kiroro weniger. In einem weniger bekannten Gebiet kann man sich das «first line» Gedränge um 08:00 Uhr ersparen und geht das Naturerlebnis so entspannter an. Das Kiroro Backcountry ist zwar bei den Freeride-Cracks schon weltbekannt, wird von der breiten Masse jedoch, im Vergleich zu den ganz grossen japanischen Gebieten, noch verschont.

Was ist dein absolutes Kiroro-Highlight?

Die Background Zone «AK FACE», die von der Resort Piste einfach zugänglich ist sowie der Mount 1218. In Japan haben 90 Prozent der Berge keinen Namen, man benennt sie hier lediglich nach der Grösse. Dieser Berg ist ein wahres Juwel, wird vor allem von Einheimischen befahren und ist für sie zudem ein religiöser und spiritueller Ort. Wenn diese frisch Eltern geworden sind, steigen sie auf den Berg, um die Götter anzubeten und ihren Segen für das Kind zu erfragen. Auf dem Gipfel ist es auf einer Fläche topfeben und dies, obwohl man vorher über zweieinhalb Stunden eine Steigung von 30 Prozent hochläuft.

Hast du spezielle Restaurant- oder Hoteltipps?

Die Hotels in Japan waren für mich zu Beginn etwas enttäuschend, da sie sich als luxuriöse fünf Sterne Hotels auszeichnen, jedoch im direkten Vergleich zu meiner Heimat nicht den gleichen Standard aufweisen. Die Definitionen zu den Klassifizierungen sind eben überall auf der Welt anders. In Kiroro gibt es nur zwei Hotels: «The Kiroro Tribute Portfolio Hotel» und das «Sheraton Hokkaido Kiroro Resort».

Im «Hopi Hills Farmstay» in Kiroro gibt es die beste, nicht so japanisch, Pizza. Für weitere Restaurants lohnt es sich, in die nächsten Ortschaften zu fahren. Zum Beispiel nach Otaru, was 45 Minuten von Kiroro entfernt liegt. Dort ist ein absoluter Hotspot für Essen, mit einem der besten Sushi-Restaurants in Japan. Oder Yoichi, ca. eine Stunde von Kiroro. Dort gibt es den besten Whiskey Japans mit einer tollen Degustationstour.

Was würdest du Reisenden empfehlen?

Bucht euch in den ersten Tagen unbedingt einen Touring-Guide, vor allem, wenn ihr nur zwei bis drei Wochen Aufenthalt in Japan einplant. Dieser kann euch die sehr guten Touren und Freeride-Erlebnisse ermöglichen, die etwas versteckter und weniger bekannt sind – natürlich abgestimmt auf euer jeweiliges Fahrkönnen.

Jamie Reichenbach in Kiroro, Hokkaido

Jamie Reichenbach in Kiroro, Hokkaido

Kurzinterview mit Dany  Gehrig – CEO Globetrotter Travel Service

Danys Lebenselixier ist «Bewegung» und er sucht die Herausforderungen bevorzugt im vertikalen Gelände. Der Skifahrer, Biker und Alpinist bewegt sich am liebsten auf unbekanntem Terrain und anspruchsvollen Routen. So verwundert es nicht, dass er selber bereits mehrmals in den Genuss vom feinsten Japow gekommen ist.

Dany, Japow ist ein bekannter Begriff für den pulvrig, leichten Schnee den Frau Holle Nacht für Nacht aus ihrer Decke über Teile Japans schüttelt. Was macht den Schnee so gut, dass du immer wieder dorthin zurückkehrst? 

Da meine Familie im Winter in Davos wohnt, komme ich auch in der Schweiz jährlich auf unzählige Schneetage. Aber Japan ist bezüglich den Anzahl Tagen mit frischem Pulverschnee einfach nicht zu schlagen. Ein wahres Schneemärchen! Und zu guter Letzt: es ist nicht nur der Schnee, es sind zusätzlich auch die Kultur und das Essen, die die Reise zu einem sehr eindrücklichen Erlebnis für mich machen.

Japan hat weit über 200 Skigebiete, die sich zum Fahren anbieten. Welche würdest du uns empfehlen und was macht diese so besonders?

Ja, auch in der Anzahl Skigebiete ist Japan unschlagbar. Aber Vorsicht – viele Europäer denken dann an riesige Skigebiete wie im Berner Oberland, Wallis oder Graubünden. Die meisten Gebiete sind sehr klein und verfügen nur über zwei bis drei Lifte, meist älteren Datums. Aber dies verleiht jedem Ausflug einen nostalgischen Touch!

Die meisten Skireisenden kennen nur die Insel Hokkaido im Norden. Dort ist Niseko sicher das «St. Moritz von Japan». Wer also am Abend nicht nur das erholsame Onsen sucht, sondern auch ein aktives Nachtleben, ist dort gut aufgehoben. Die meisten Skiorte sind im Gegensatz zu Europa keine Partyorte, sondern Ruheoasen.

Mir persönlich gefällt der Westen der Hauptinsel am besten, da ich auch gerne auf Skitouren gehe und steile Couloirs liebe. Sind es im Norden eher bewaldete Hügel, die befahren werden, findet man rund um Nagano auch felsiges Gebirge. Ein Highlight ist sicher Nozawa Onsen. Wie der Name schon sagt, kann direkt aus dem Tiefschnee ein Bad in den unzähligen heissen Quellen genossen werden. 

Zu einer ordentlichen Powder-Reise nach Japan muss auch die Ausrüstung stimmen. Welche Skier nimmst du jeweils mit und was gehört weiter in den Reisekoffer, um einen gelungenen Ski-Trip in Japan zu erleben?

Skibreite ist alles! Unbedingt mind. 105 mm breite Skier im Gepäck mitnehmen. Auch der Airbag ist zwingend, wobei dieser auch meist vor Ort noch gemietet werden kann. Und die Badehose für die Onsens nicht vergessen. Ansonsten braucht es nur einen freien Kopf, um den stiebenden Pulverschnee geniessen zu können! 

Das Land hat weit mehr zu bieten als Tiefschnee en masse. Was bewegt dich zu Reisen in Japan?

Wie erwähnt ist es das Ineinanderfliessen von unglaublichem Skierlebnis, das Entdecken einer völlig fremden Kultur mit der Abrundung von Gaumenfreuden. Empfehlen kann ich auf jeden Fall noch einige Tage in Tokyo und Kyoto anzuhängen, um auch die pulsierende Grossstadt sowie die geschichtsträchtigen Tempel bestaunen zu können.

Welche spezielle Momentaufnahme möchtest du gerne mit uns teilen? 

Bei meiner letzten Reise Ende Februar 2020, also kurz vor der Corona-Krise, hatten wir auch stürmische Tage dabei mit Windspitzen bis zu 100 km/h. In der Schweiz wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, dann auf Skitour zu gehen. Nicht nur aus Komfortgründen, sondern auch weil die Lawinengefahr viel zu hoch wäre. Die Japaner sind aber so enthusiastische Powder-Freaks und Naturliebhaber, dass sie auch bei diesen Verhältnissen draussen anzutreffen sind. Auch wenn sie mit dem Snowboard auf dem Rücken auf allen Vieren kriechen müssen, um den Windböen zu trotzen.

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