Eine Momentaufnahme aus Chile

Blog-Beitrag von Franziska Domann, am 06.01.2021

Chile

Chile – das schmale und lang gezogene Land an der Pazifikküste, das mit viel Charme schon seit langem Besucher aus der ganzen Welt anlockt. In dem südamerikanischen Land gibt es unendlich viel zu erleben: Wüsten, Pinguine, Vulkane, Kajak-Touren. Doch wie sieht es eigentlich momentan vor Ort aus? Wir haben mit Frank, einem Deutschen Auswanderer gesprochen. Er berichtet uns mehr über die aktuelle Lage.

Wie erlebst du den Tourismus aktuell bei dir bzw. in Chile?

Als vorsichtiges Comeback. Die ersten reisenden Kunden dieser Saison erwarteten wir kurz nach der offiziellen Grenzöffnung – mit Ankünften am Flughafen Santiago de Chile.

Der gesamte Tourismussektor hat harte Zeiten hinter sich, denn schon vor der Pandemie hatten soziale Unruhen mit wochenlangen Ausgangssperren die Nachfrage geschwächt. Aber wir Chilenen, und ich zähle mich dazu, nachdem das Land vor 24 Jahren zu meiner neuen Heimat wurde, sind flexibel und verlieren nicht so schnell den Mut.

Wie empfindest du den Umgang mit den Massnahmen gegen Covid-19?

Die staatliche Tourismusbehörde Sernatur hat frühzeitig für alle Akteure der Branche wichtige Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen in Bezug auf Covid-19 auf den Weg gebracht. Bei Erfüllung kann man ein entsprechendes Zertifikat erwerben, was mittlerweile alle relevanten Unterkünfte und Agenturen vorweisen können.

Will sagen: die Branche ist bereit, schon seit Monaten. Alle Vorbereitungen sind getroffen um sowohl nationale als auch internationale Reisende zu empfangen. Die Hauptschwierigkeit besteht in den noch starken Schwankungen in den verschiedenen Regionen. Momentan hat sich die Lage zum Beispiel in der Hauptstadt Santiago erholt und man kann sich relativ frei bewegen. Andere wichtige touristische Städte wie Temuco, Punta Arenas und Puerto Natales sind dagegen im Moment noch im Lockdown-Modus.

Wie hat sich dein Unternehmen der aktuellen Situation angepasst?

Im April wurde mir klar, dass es eine lange Durststrecke geben wird. Für mich als Inhaber der Incoming-Agentur «Andes Nativa» hatte ab diesem Moment der Zusammenhalt unseres Büro-Teams oberste Priorität. Mit all seinen Schwierigkeiten, denn ohne Kosteneinschnitte wie der Kurzarbeit würde das nicht machbar sein. An diesen Herausforderungen kann man jedoch kreativer werden und persönlich wachsen, wenn man sich ihnen aktiv und optimistisch entgegenstellt. Sorgen machen mir jedoch die Auswirkungen dieser Krise auf das Leben einer grossen Zahl von einkommensschwachen Menschen hierzulande, denn es gibt kaum staatliche Unterstützung, wie man das aus Europa kennt.

Ich persönlich betreibe seit einigen Jahren die Imkerei als Hobby. Die faszinierende Welt der Bienen stellte sich mir als willkommener Ruhepol in diesen wirren Zeiten dar. Und die Bedingungen für die Bienenzucht hier in Nordpatagonien sind hervorragend. So kam ich zusammen mit meinen Kollegen auf die Idee, eine neue Geschäftssparte aufzubauen – der Verkauf von organischen Lebensmitteln wie Honig, Gelee Royal, Propolis und Blütenpollen. Nach dem Motto: eine gesunde Ernährung stärkt das Immunsystem. An viel Geld verdienen ist damit wohl auf lange Zeit nicht zu denken – darum geht es aber auch nicht. Sondern vor allem darum, Neues zu lernen und gleichzeitig anderen Leuten zu helfen, damit sie ihre Gesundheit besser schützen können.

Welche Chancen siehst du für die Region mit Ausblick auf die Zukunft?

Ein bewussteres Reisen. Tourismus bedeutet für mich vor allem Begegnungen mit anderen Kulturen und ein bewusstes Eintauchen in die Natur. Chile bietet beides und kann mit einer langsamen Rückkehr des Tourismus eine nachhaltige Ausrichtung viel besser verwirklichen.

Welchen Tipp würdest du Reisenden nach Chile mit auf den Weg geben?

Reisende müssen momentan sehr flexibel sein und sich auf mögliche Programmänderungen einstellen, die auch sehr kurzfristig erfolgen können. Der Lohn dafür sind spektakuläre Naturwälder, Berglandschaften, Gletscher, Salzseen oder Geysire, die man im Moment fast exklusiv für sich allein haben kann.

Dennoch sollten Reisende keine Angst haben, sondern alles auf sich zukommen lassen. Die Chilenen sind extrem gastfreundlich und sehr zuverlässig. Einige Grundkenntnisse in Spanisch können natürlich auch immer hilfreich sein.

Chile Frank Böttcher

Frank Böttcher in Chile

Frank Böttcher stammt ursprünglich aus Deutschland, wo er in der damaligen DDR aufwuchs. Der Liebe wegen zog es ihn jedoch im Jahr 1996 nach Chile, wo er eine Einheimische heiratete und mit ihr eine Familie gründete. Seine grösste Passion ist es, Reisen zu gestalten und zu organisieren. In Chile konnte er dies zu seinem Beruf machen: seit zehn Jahren ist er Inhaber des Reiseveranstalters «Andes Nativa». An dem südamerikanischen Land fasziniert ihn das Gefühl von Weite, vor allem in Patagonien. Die Weite aber auch im Sinne von Gelassenheit, die einem die Einheimischen vermitteln. Dort, sagt er, habe er als Deutscher viel Engstirnigkeit ablegen können und müssen.

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