Ronald Pizzoferrato


Preisträger World Photo 2018

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Venezuela: Caracas – Stadt der Sehnsucht

Reportage über Träume und Hoffnungen im Schatten von Armut, Gewalt und Krise

Der gebürtige Venezolaner Ronald Pizzoferrato wuchs als Sohn einer Kolumbianerin und eines Italieners bei seinen Grosseltern väterlicherseits auf. Ihre Heimat Italien hatten die Grosseltern in den 1950er-Jahren verlassen, weil es dort keine Arbeit gab und man ihnen von geradezu paradiesischen Zuständen in Venezuela erzählt hatte. Dass das Land Jahrzehnte später beinahe zusammenbrechen würde unter sozialen und politischen Spannungen, war damals nicht abzusehen. Seit fünf Jahren lebt Pizzoferrato in der Schweiz.

Er war dreizehn, als einer seiner besten Freunde ermordet wurde, und es blieb nicht der einzige solche Verlust. Sein Quartier galt als Drogenumschlagplatz. «Ich lernte, was zu tun ist, wenn man überleben will, wie man Leute behandelt, mit wem man spricht, wann man besser den Mund hält und in welchem Moment man sich selbst sein kann.» 

Zweimal im Jahr geht er nach Caracas, manchmal für mehrere Monate, begibt sich mitten in seine alte Welt. Auf den Fotografien sieht man Berge voller Banknoten und junge Männer mit Waffen, er zeigt Strassenkämpfe ebenso wie Trauerzüge.

Aber weil er das Bild, das ausserhalb Venezuelas von Caracas vorherrscht, für stigmatisiert hält, dokumentiert er auch die andere Seite: Er fotografiert Kinder beim Spielen und Frauen und Männer beim Leben und Lieben. Es geht ihm um die Sehnsüchte der Menschen, er zeigt das Licht in Caracas, wie es gegen den Schatten von Gewalt und Krise ankämpft. Er will Caracas nicht aus einer westlichen Sicht betrachten, sondern durch die Augen der Einheimischen.

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Text: Christof Gertsch

Caracas – Stadt der Sehnsucht

Das T-Shirt, das Ronald Pizzoferrato trägt, als er sich an einem tropisch heissen Nachmittag im Juli in den Hinterhof eines Berner Cafés setzt, auf einen Klappstuhl im Schatten, zeigt einen Mohren, darüber den Schriftzug «Ausländer for Life». Pizzoferrato hat es selbst kreiert, als er mit dem Gerüstbauunternehmen, bei dem er angestellt ist, in Avenches zu tun hatte. Das ist ein Dorf im Kanton Waadt, wo man bis heute keinen Anlass sieht, die Gestaltung des Gemeindewappens zu überdenken, obwohl darauf ein Mohr abgebildet ist, sämtliche Stereotypen dunkelhäutiger Menschen bedienend: rote Lippen, krauses Haar, pechschwarzes Gesicht.

Seit fünf Jahren lebt Pizzoferrato in der Schweiz, er glaubt, dass hier nicht zufällig häufiger von Ausländern als von Immigranten die Rede ist. Ein Ausländer, sagt er, befinde sich in der Hierarchie der Menschen noch unter dem Immigranten: Ein Immigrant sei ein Ankömmling, der Ausländer einfach einer von draussen, ein «Ausländer for Life». Als Anklage will Pizzoferrato das nicht verstanden wissen, auch Groll hegt er nicht. Lieber reagiert er mit Humor.

«Ich habe die Migration im Blut», sagt er und lacht. Geboren wurde er 1988 in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, als Sohn einer Kolumbianerin und eines Italieners, aber seine Kindheit verbrachte er bei den Grosseltern väterlicherseits, unterer Mittelstand. Ihre Heimat hatten sie in den 1950er-Jahren verlassen, weil es dort keine Arbeit gab und man ihnen von geradezu paradiesischen Zuständen in Venezuela erzählt hatte, von riesigen Ölvorkommen und Jobs für jeden. Dass das Land Jahrzehnte später beinahe zusammenbrechen würde unter sozialen und politischen Spannungen, dass Armut, Inflation und Gewalt den Alltag prägen würden, war damals nicht abzusehen.

Pizzoferrato war dreizehn, als einer seiner besten Freunde ermordet wurde, und es blieb nicht der einzige solche Verlust. Sein Quartier galt als Drogenumschlagplatz. «Ich lernte, was zu tun ist, wenn man überleben will, wie man Leute behandelt, mit wem man spricht, wann man besser den Mund hält und in welchem Moment man sich selbst sein kann.»

Er machte eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, arbeitete auf der neurologischen Station einer Kinderklinik, verdiente ein Taschengeld als Hochzeitsfotograf. Er hatte keine übermässigen Ansprüche an das Leben, bloss auf der Welt bleiben wollte er, er wollte durchkommen und es mit seinen Grosseltern gut haben. Als er zwanzig war, frohlockte er innerlich: In Caracas ist die Mordrate bei jungen Männern besonders hoch. «Statistisch gesehen war ich aus dem Gröbsten raus.»

Er lernte Schweizer kennen, die durch Südamerika reisten, und zeigte ihnen Caracas. «Komm uns mal besuchen», sagten sie zum Abschied. Er fand das eine gute Idee.

Er zog nach Bern, lebte mal in diesem Quartier und mal in jenem. Er schleppte Kisten und wusch Teller und erhielt schliesslich einen Job bei dem Gerüstbauunternehmen, für das er bis heute die Infrastruktur von Open-Air-Kinos und Musikfestivals aufbaut. Er verschwindet, wenn die Inländer kommen, und kommt wieder, wenn sie sich ausreichend vergnügt haben.

Doch das ist nur der eine Teil seiner Geschichte, «klassische Ausländergeschichte», wie er sagt. Im anderen Leben werden Fotografien von ihm in Zeitungen und Magazinen gedruckt, er hält Vorträge und gibt Interviews, den Schweizerinnen und Schweizern erklärend, dass Caracas mehr ist als bloss ein Ort von Chaos und Elend. «Die Menschen dort haben auch Träume», sagt er dann. «Es mag schwierig sein, aber für uns ist es das normale Leben. Man hat Familie, hat Hoffnungen, man kämpft.»

Erst in der Schweiz entdeckte Pizzoferrato, dass sein Talent zu mehr reicht als dem Festhalten von Familienfesten. Und erst durch die Anerkennung, die er hier erfuhr, zollte man ihm mit der Zeit auch in Venezuela Respekt. Dort ist die professionelle Fotografie der Oberschicht vorbehalten, Menschen aus unteren Schichten finden kaum Zugang.

Dass seine Schweizer Freunde ihn nicht aus blosser Höflichkeit darin bestärkten, sich intensiver seinem Hobby zu widmen, glaubte er aber erst, als er 2018 den Globetrotter-Förderpreis gewann. Kurz darauf entschied er, sich an der ZHdK zu bewerben, der Zürcher Hochschule der Künste. Er reichte ein Dossier ein, durchlief Eignungsgespräche und wurde schliesslich direkt zum Masterstudiengang zugelassen. Zwar fehlte ihm die dafür erforderliche Vorbildung, aber man betrachtete ihn als aussergewöhnliches Talent.

Zweimal im Jahr geht er nach Caracas, manchmal für mehrere Monate, begibt sich mitten in seine alte Welt. Auf den Fotografien sieht man Berge voller Banknoten und junge Männer mit Waffen, er zeigt Strassenkämpfe ebenso wie Trauerzüge.

Aber weil er das Bild, das ausserhalb Venezuelas von Caracas vorherrscht, für stigmatisiert hält, dokumentiert er auch die andere Seite, er fotografiert Kinder beim Spielen und Frauen und Männer beim Leben und Lieben. Es geht ihm um die Sehnsüchte der Menschen, er zeigt das Licht in Caracas, wie es gegen den Schatten von Gewalt und Krise ankämpft. Seine Fotografien spiegeln die Geschichten jener, die er in den Fokus nimmt, aber sie reflektieren auch seine eigene Vergangenheit. Seine Erinnerungen leben im Alltag anderer Kinder wieder auf. Er will Caracas nicht aus einer westlichen Sicht betrachten, sondern durch die Augen der Einheimischen.

Doch weil das immer auch seine eigenen Augen sind, muss er danach auf Distanz gehen. Zum teilnahmslosen Beobachter, der wie ein Erzähler eine Bildauswahl trifft, nüchtern und einem Narrativ folgend, wird er erst wieder in der Schweiz.

Ronald Pizzoferrato hat die bemerkenswerte Eigenschaft, sich mit Leichtigkeit in den verschiedensten Umgebungen aufzuhalten, das gilt nicht nur für die Pendlerei zwischen Südamerika und Europa, sondern ebenso für das Leben hier, er findet sich im Kreis der ZHdK-Studierenden genauso gut zurecht wie auf der Baustelle, wo es einen Zusammenschiss gibt, wenn man im falschen Moment das Maul aufreisst. Zunächst irritierte ihn, wie klein die Probleme sind, über die sich die Jungen in der Schweiz beklagen, doch er lernte, dass jeder einen eigenen Blick auf die Welt hat, genährt von Erfahrungen, die man nur selbst machen kann. Er sagt: «Es wäre arrogant, von sich auf andere zu schliessen und deren Probleme als minderwertig zu betrachten.»

Der Umzug in die Schweiz hat sein Leben in vielerlei Hinsicht verändert, aber nicht nur bezüglich Sicherheit und relativen Wohlstands. Die Kunst hat ihm geholfen, sich in der hiesigen Gesellschaft einzugliedern, die Fotografie als wesentlicher Teil des Veränderungsprozesses.

Er betrachtet es als Gewinn, sich an mehreren Orten heimisch zu fühlen, und findet es grundfalsch, dass vom Wort Heimat kein Plural existiert. Auch in zehn Jahren möchte er noch in der Schweiz sein, er will sehen, wie sich das Land bis dahin verändert. Es gibt so viele wie ihn, Migrationskinder der ersten, zweiten, dritten Generation, und er ist überzeugt, dass damit viel Gutes einhergeht. «Ausländer for Life»?

«Es wäre schön, wenn man in uns auch noch etwas anderes sehen könnte», sagt er.

Zur Person

Ronald Pizzoferrato ist ein venezolanischer Kunstschaffender und Fotograf, geboren 1988 und aufgewachsen in Caracas, Venezuela, seit fünf Jahren wohnhaft in der Schweiz. Er hat sich der Dokumentation und Recherche von gesellschaftlichen Ereignissen, sozialen Phänomenen sowie internen Konflikten in seinem Heimatland Venezuela verschrieben. Zudem arbeitet er auf globaler Ebene an umfassenden multimedialen Projekten im Zusammenhang mit Identität, Migration und Gewalt. Seine Werke wurden in Kunstmuseen in der Schweiz und Venezuela ausgestellt und in Zusammenarbeit unter anderem mit SRF, Reporter ohne Grenzen und diversen renommierten Zeitschriften veröffentlicht. 2019/2020 absolviert er an der Zürcher Hochschule der Künste einen Master of Arts in Design mit Vertiefung «Trends & Identity».

 

Porträt Ronald Pizzoferrato World Photo 2018